Voller Einsatz für „ein Zuhause auf Zeit“: Interview mit dem Leiter der stationären Jugendhilfe
07.04.26
Thomas Heinze ist seit fünf Jahren pädagogischer Leiter der Stationären Jugendhilfe im Diakonie-Verbund. Als solcher füllt er in der Trauma-pädagogischen Jugendwohngruppe „Villa Oberholz“ Großpösna sowie im Kinder- und Jugendhaus „Habitat“ Borna – beide Einrichtungen gehören zur Diakonie-Tochter Heimverbund Leipziger Land gemeinnützige GmbH – viele Rollen aus. Dazu gehören zum Beispiel Krisen- und Team-Manager, Kummerkasten, Vermittler, Streitschlichter, Netzwerker oder Fundraiser. Nur eine Funktion, die ihm mitunter zugeschrieben wird, weist er entschieden von sich: Er ist definitiv kein „Heim“-Leiter. Im Interview erzählt er, warum Eltern die Jugendhilfe heute nicht mehr als „Feind“ betrachten müssen.

Heimverbund Leipziger Land gemeinnützige GmbH: Herr Heinze, begegnet man Ihrer Arbeit häufig mit Vorurteilen?
Thomas Heinze: Ja, die sehr negative Vorstellung vom „Heim“ mit großem Schlafsaal und Anstaltskleidung geistert noch in vielen Köpfen herum. Oft auch bei den Eltern der Jugendlichen, die uns mitunter als Gegner sehen, der ihnen die Kinder wegnehmen will.
Es ist viel gewonnen, wenn sie mit uns zusammenarbeiten, weil sie begreifen: Unser oberstes Ziel ist, dass die Jugendlichen wieder zurück in ihre Familien kommen. Niemand soll länger bei uns bleiben als nötig.
Wie kann das gelingen?
Wir arbeiten sehr individuell. Aller sechs Monate setzen sich alle an einen Tisch, also z. B. das Jugendamt, die Eltern, unser Team, die Schule, unser eigener psychologischer Fachdienst und natürlich der oder die Jugendliche selbst. Bei dieser Hilfeplanung kommt alles auf den Tisch: Wo stehen wir? Wie ist das letzte halbe Jahr gelaufen und was sind konkrete Ziele für das nächste? Wie können wir diese gemeinsam umsetzen? Ist Urlaub zu Hause möglich? Dies und noch viel mehr wird im Protokoll festgehalten, als Arbeitsgrundlage für alle Beteiligten. Unser Einzugsgebiet ist übrigens ganz Deutschland. Manchmal fragen Jugendliche, wann sie „rauskommen“. Dann antworte ich immer: Jederzeit. Wir sind kein Gefängnis.
Wie läuft – neben der wertvollen pädagogischen Arbeit – das Leben in den Häusern ganz praktisch ab?
Unsere Teams versuchen alles, damit sie hier ein Zuhause, eine Familie auf Zeit haben können. Dazu gehören ein behagliches, wohnliches Umfeld mit der Möglichkeit, Hobbys und eigene Stärken zu entdecken, aber auch Ausflüge, Ferienfahrten und andere Höhepunkte sowie ganz lebenspraktische Dinge. Zum Beispiel bringt eine Erzieherin im Herbst Äpfel aus dem Garten mit und dann wird gemeinsam Apfelmus gekocht und gegessen – einfach Dinge, die viele das erste Mal erleben. Die Wohngruppen sind sehr bunt gemischt und die Arbeit ist nicht einfach, auch bedingt durch die starken Traumatisierungen, die viele mitbringen.
Was sind die größten Probleme?
Die Zahl von jungen Müttern mit Drogenproblemen steigt. Wir haben nur einen Platz dafür vorgesehen, könnten aber alle vier im Eltern-Kind-Wohnen allein dafür vergeben. Weitere häufige Probleme sind Überschuldung, Verwahrlosung, Missbrauch und – zum Teil sicher auch als Spätfolgen der Corona-Pandemie – psychische Schwierigkeiten wie Schulverweigerung, Ängste, Zwänge und pathologischer Medienkonsum.
Wie äußert sich das konkret?
Da war zum Beispiel eine Teenagerin, die tatsächlich 14 Stunden täglich am Bildschirm verbracht hatte und nur mit einem KI-Chat-Bot – ihrem einzigen „Freund“ – kommunizierte. Oder die 18-jährige obdachlose Mutter, für die nach der Entbindung eine Unterkunft gesucht wurde – und zwar akut, für den nächsten Tag. Sehr herausfordernd und intensiv gestaltete sich auch die Arbeit mit einer 15-Jährigen mit Schizophrenie, die ständig zwischen der Psychiatrie und der „Villa“ hin- und herpendelte. Dass das Team das ausgehalten und mitgetragen hat, war eine Höchstleistung, für die ich sehr dankbar bin.
Wie meistern die Kolleginnen und Kollegen diese schwierige Arbeit?
Mit enormem Engagement. Zudem gibt es Supervision, kollegiale Gespräche und Beratungen sowie immer ein offenes Ohr bei mir. Eine gute Unterstützung ist wichtig. Wenn man miterlebt, dass zum Beispiel ein Jugendlicher mit Suizidabsichten auf dem Dach steht, geht das an niemandem spurlos vorüber.
Was sind schöne Momente?
Ich denke da zum Beispiel an einen jungen Menschen mit Fetalem Alkoholsyndrom. Das Lernen fiel ihm schwer, aber dank der Unterstützung des Teams hat er einen Schulabschluss erreicht, im Alter von 16 Jahren mit etwas Nachbetreuung den Sprung in die eigene Wohnung und sogar eine Bäckerlehre geschafft. Er kommt bis heute gern auf Besuch in die „Villa“ und hat neulich eine Himbeer-Torte vorbeigebracht.
Was wünschen Sie sich von der Politik?
Stationäre Jugendhilfe soll immer das letzte Mittel der Wahl sein. Dafür müssen aber die ambulanten Hilfsangebote, die davor kommen, besser ausgestattet und finanziert werden. Der Bedarf dafür ist eindeutig da. Es kann nicht sein, dass man auf einen Platz in der Tagesklinik neun Monate warten muss. An Eltern appelliere ich, frühzeitig Unterstützung zu suchen. Es gibt so viele Möglichkeiten wie Einzelfallhilfe oder Erziehungsberatung. Niemand sollte aus Scham so lange warten, bis das Kind tatsächlich in den Brunnen gefallen ist.
